„Das halte ich nicht für möglich“

Yilmaz sieht deutsch-türkisches Verhältnis durch Erdogan nicht gefährdet Plattling. Menschenrechte, Pressefreiheit, Flüchtlingsfrage:
Die Türkei und Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan prägen derzeit das politische Geschehen. Wir haben mit Stadtrat Mustafa Yilmaz (SPD) über die Auswirkungen türkischer Politik auf die deutsch-türkische Freundschaft gesprochen.

Plattlinger Anzeiger: Der Türkei kommt in der Flüchtlingspolitik eine tragende Rolle zu. Gleichzeitig beschneidet Staatspräsident Erdogan die Pressefreiheit und immer wieder werden Menschenrechtsverletzungen publik. Sorgen Sie sich in diesen Tagen um die deutsch-türkische Freundschaft?

Mustafa Yilmaz: Nein, das tu ich nicht. Ich sehe da keine Gefährdung. Falls sich die deutsche Politik aber weiter nach rechts verlagern sollte, muss man sich Gedanken machen, was in fünf oder zehn Jahren ist – aber nicht über die deutsch-türkische Freundschaft, sondern über das Verhältnis zwischen Deutschen und Ausländern allgemein. Da könnte es Probleme geben.

PA: Das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken sehen Sie als ausreichend gefestigt?

Y: Ich denke schon, wir sind doch sehr gut integriert. Ich persönlich gehöre der zweiten Generation der Türken in Deutschland an, meine Söhne bereits der dritten. Wir sehen dieses Land immer mehr als unser Zuhause an.

PA: Aber könnte Erdogans Politik nicht einen Riss zwischen den hier lebenden Deutschen und Türken ziehen?

Y: Nein, das halte ich nicht für möglich!

PA: Meinen Sie, den deutschen Bürgern ist das Verringern der Flüchtlingszahlen inzwischen so wichtig, dass sie über die politischen Verhältnisse in der Türkei hinwegsehen?

Y: Man sollte das nicht gegeneinander aufrechnen und nicht immer nur die negativen Seiten der Türkei sehen. Das Land hat ja auch drei Millionen Flüchtlinge bei sich aufgenommen. Wer in der EU kann das von sich behaupten? Diese Leistung sollte man respektieren. Abgesehen davon muss man sich fragen, was das Ziel der politischen Zusammenarbeit mit der Türkei ist. Es sollen weniger Flüchtlinge nach Europa kommen. Und das funktioniert offenbar.

„Europa ist kein Wunschkonzert“
PA: Welche Rahmenbedingungen muss die Politik schaffen, damit das Zusammenleben von Deutschen und Menschen mit Migrationshintergrund langfristig funktioniert?

Y: *Wir brauchen eine europäische Lösung der Flüchtlingsfrage. Die EU hat die Entwicklungen im Nahen Osten solange verschlafen, bis die Flüchtlinge vor der Tür standen. Jetzt muss man endlich eine gemeinsame Politik machen und die Flüchtlinge auf alle Länder verteilen. Und die Flüchtlinge sollten diese Entscheidung dann akzeptieren. Was zählt, sind Schutz und Sicherheit. Ein Wunschkonzert ist auch Europa nicht.

PA: Damit liegen Sie ganz auf der Linie der Bundeskanzlerin...

Y: Sie versucht immerhin, eine Linie einzuhalten – im Gegensatz zu anderen Ländern.

Interview: Christian Geist

(PA, 09. April 2016)