Der Widerstand ist noch zu gering

Deggendorf. Etwa 20 Neonazis aus ganz Deutschland scheinen Deggendorf neuerdings zum bevorzugten Ort für ihren Agitations- und Selbstdarstellungsdrang auserkoren zu haben. Am Samstagnachmittag stellten sie sich auf den Michael-Fischer-Platz vor die Grabkirche und inszenierten eine martialische Fahnenparade. In anachronistisch anmutenden Szenen kamen sie mit gestreiften Gefangenenkostümen, Lederhosen und Trachtenkleidern daher und sahen sich wie Opferlämmer, die von staatlichen Organen angeblich zu Unrecht angegangen werden. Ihr Kundgebungsprotest richtete sich gegen die vermeintliche „Repressionswut gegen deutsche Nationalisten“.

Im Juli hatte der bayerische Innenminister Joachim Herrmann die verfassungsfeindliche Neonazi-Kameradschaft „Freies Netz Süd“ verboten. Dagegen wandten sich am Samstag die rechtsextremen Akteure des sogenannten „Dritten Weges“, die scheinbar in die Fußstapfen des alten Nazi-Netzwerkes treten wollen.

„Haut ab“, riefen gut 40 Demonstranten, die sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite postiert hatten und die egen das Nazischauspiel vor der Grabkirche protestierten. Die größte Gruppe bildete das Bündnis „Deggendorf nazifrei“. Ihr Sprecher Herbert Petrilak-Weissfeld, Stadtrat in Plattling, äußerte Enttäuschung darüber, dass von der offiziellen Deggendorfer Kommunalpolitik so wenig Initiativen gegen die zunehmenden rechtsextremen Aktivitäten ausgehen. Vom Bündnis „Bunter Landkreis Deggendorf“ sei weder im Vorfeld noch während der Neonazikundgebung etwas zu hören oder zu sehen gewesen.

Den überwiegend jungen Gegendemonstranten schlossen sich die Stadträte Karl-Heinz Stallinger, Dr. Fritz Scholz und Christian Heilmann an. „Wir stehen hier, um Gesicht zu zeigen gegen den braunen Ungeist“, so die gemeinsame Begründung. Aus Hengersberg war Kreisrat Ewald Straßer extra zur Gegendemonstration angereist. Der CSU-Fraktionsvorsitzende Paul Linsmaier sagte in seinem Statement, dass alle demokratischen Fraktionen undGruppen im Deggendorfer Stadtrat ihr Engagement gegen den politischen Extremismus vorantreiben werden. Dazu werde es nach den Sommerferien verstärkte gemeinsame Aktivitäten geben. „Das bereits bestehende parteiübergreifende bürgerschaftliche Netzwerk Bunter Landkreis Deggendorf braucht zusätzliche Mittel und Kräfte, um noch effektiver als bisher gegen die Neonazis eingreifen zu können“, forderte Linsmaier. Dritter Bürgermeister Hermann Wellner fand kraftvolle Worte: „In Deggendorf leben viele Kulturen friedlich neben- und miteinander. Durch ein paar Ewiggestrige lassen wir uns diese Weltoffenheit nicht zerstören. Schon aufgrund der eigenen leidvollen Erfahrungen in der deutschen Geschichte muss man Leuten, die unverbesserlich sind, Einhalt gebieten.“ Gegen die „braune Brut“ müsse man immer wieder den Finger heben. Der Grüne Fraktionsvorsitzende Christian Heilmann zog für sich das Fazit: „Die Neonazis marschieren hier in Deggendorf auf, weil der Widerstand noch zu gering ist.“

Die Kundgebungen wurden von den Ordnungsbehörden aufmerksam beobachtet, repräsentiert durch Thomas Kindl, der seitens des Landkreises für die Genehmigung zuständig war, und den städtischen Ordnungsamtschef Karlheinz Löfflmann. Polizeieinsatzleiter Klaus Brunnbauer bilanzierte: „Die Polizeieinsatzkräftewaren ausreichend und notwendig, um alles sicher im Griff zu behalten.“ Kurz vor 17 Uhr war der szenische „Nazi-Spuk“ vorbei, alles blieb bis dahin friedlich.

Übrigens: Als der Shuttle-Bus der Donaugartenschau vorbeifuhr, hielten die Gartenschaubesucher das Ganze wohl für eine gelungene Marketing-Maskerade: Die Deggendorf-Touristen winkten amüsiert aus den großen Fenstern des Bus-Oldtimers. − rüs

(PNP, 31.082014)

Gegendemo 30.August2014
Theatralisch als Opfer der Justiz kostümierte Neonazis glorifizierten Rechtsterorristen als politische Opfer (Bilder: Thomas Bergmann)