"Ein Licht am Horizont"

Weiß Georg

SPD-Kommunalpolitiker sprechen über ihren Kanzlerkandidaten – Hoffnung auf andere Rentenpolitik

Plattling/Stephansposching. 100 Prozent der Stimmen bei der Wahl zum Parteivorsitzenden. 605 mal Ja, nur drei ungültige Wahlzettel. So geschlossen stand die SPD noch nie hinter einem Kanzlerkandidaten in der Nachkriegszeit. Von den einen wird Schulz als Heilsbringer gefeiert, andere kritisieren, dass er keine Inhalte bringe. Laut dem aktuellen ARD-Deutschlandtrend wünschen sich 44 Prozent der Wahlberechtigten eine SPD geführte Regierung. Zum Vergleich: Bei der Union sind es 33 Prozent. Was bedeutet der Hype für die SPD? Ist die Euphorie gerechtfertigt? Wie ist die Stimmung in den Ortsvereinen und ist Martin Schulz links oder nicht? Die PZ hat mit Sozialdemokraten aus Plattling und Stephansposching über den Kanzlerkandidaten gesprochen.

Sie sind sich einig

Georg Weiß, SPD-Fraktionsvorsitzender im Plattlinger Stadtrat: "Martin Schulz berührt die Seele der SPD. Er spricht wichtige Themen, wie Gerechtigkeit, einen geordneten Arbeitsmarkt und Globalisierung, an. Die Politik à la Gerhard Schröder war nicht sozialdemokratisch. Ich erhoffe mir einiges von Schulz. Es ist gut, dass einer von außen kommt. Ich habe ihn bei seinem Auftritt in Vilshofen gesehen. Ich war zum ersten Mal seit langem dort. Seit Gerhard Schröder war ich nicht mehr hingefahren. Die 100 Prozent Zustimmung für ihn sind zwar wunderschön, ich finde sie aber übertrieben. 100 Prozent hat niemand. Das sind schon fast diktatorische Werte. Martin Schulz ist ein Licht am Horizont. Er legt den Finger in die Wunde, wo es vorher gehapert hat. Dass er sich noch nicht so festlegt, finde ich gut. Lasst ihm halt Zeit. Man muss nicht immer alles kritisieren. Die SPD ist eine demokratische Partei. Schulz muss alles abstimmen und sich Zeit nehmen, um Dinge in die Wege zu leiten.

Ingeborg Slowik (65), SPD-Gemeinderätin in Stephansposching:
"Ich kenne Martin Schulz persönlich. Ich habe ihn bei einem Wahlkampfauftritt 2009 in Schwanenkirchen erlebt. Er ist ein Mann des Volkes. Ganz normal, wie Du und ich. Die 100 Prozent für ihn finde ich fantastisch. Ich freue mich, dass wir einen Kandidaten haben, der die Sache ernst nimmt. Ich bin erstmal etwas zurückhaltend und warte ab, was kommt. Er kennt den Alltag der Bürger und kann sich gut in sie hineinversetzen. Viele haben sich unverstanden gefühlt, zum Beispiel bei TTIP. Das hätte eigentlich von oben nach unten transparent erklärt werden müssen. Seit Schulz sind mehr Menschen politisch aktiv. Man diskutiert wieder über Werte. Dass er als Ex-Bürgermeister Erfahrungen in der Lokalpolitik hat, hilft ihm sicherlich weiter. Ich wünsche mir, dass der Schulz-Zug auch mal in Plattling hält."

Thomas Müller (49), SPD-Fraktionsvorsitzender im Stephansposchinger Gemeinderat: "Gerhard Schröder hat mir als Arbeitnehmer und Gewerkschafter wehgetan. Martin Schulz ist von seiner Glaubwürdigkeit her unbefleckt. Ich habe großen Respekt vor Sigmar Gabriel, aber er war behaftet. Schulz war bei der Agenda 2010 nicht dabei. Er verbreitet eine positive Stimmung. In Vilshofen hat er nur zwei bis drei Sätze zum Gegner gesagt. Er stellt das eigene Programm nach vorne statt nur auf die anderen zu achten. Ich glaube, dass sich mit ihm die Rentenpolitik verändert. Das wirkt sich dann auch direkt bei uns in Niederbayern aus, wenn zum Beispiel die Oma im Bayerischen Wald einen 100er mehr in der Kasse hat. Uns war nicht bewusst, wie viele auf so einen Wechsel in der Politik gewartet haben. So einen linken Wahlkampf gab’s bei uns noch nie. Die Basis hat immer geäußert, dass soziale Leitplanken gesetzt werden müssen. Dass man also nicht abrutscht, wenn man seinen Job verliert. Das erhoffe ich mir von Schulz. Die Zeit ist reif für sozialere Politik."

Herbert Petrilak-Weissfeld (56), Stadtrat und SPD-Ortsvorsitzender in Plattling: "In den Schlagzeilen wird stark übertrieben. Ein Hype ist für mich etwas anderes. Ich habe noch niemanden getroffen, der wegen Martin Schulz buchstäblich euphorisch war. Was ich erlebe und selbst empfinde ist Freude, dass es mit der SPD bergauf geht. Schulz ist überzeugter Europäer, dem Frieden und Demokratie in Europa sehr wichtig sind.
Die Demokratie ist gegenwärtig aus dem Westen und aus dem Osten bedroht. Ich fand es daher gut, wie er im EU-Parlament einmal einen rechtsextremen griechischen Abgeordneten des Saals verwies, weil er Türken rassistisch beleidigt hatte. Natürlich war Schulz als Präsident des Europaparlamentes ein bisschen abseits der deutschen Politik. Wenn Kritiker aber meinen, er kenne sich darin nicht aus, werden die noch staunen. Gerechtigkeit ist bei Schulz das wichtigste Thema. Diese hat nichts mit links oder rechts zu tun, darum ist Schulz ist für mich kein Linker. Wir brauchen mehr Gerechtigkeit, damit radikale Klamauk-Parteien, wie die AfD, nicht von der Unsicherheit der Menschen profitieren. Dafür steht Martin Schulz."

(PNP 25. Jan. 2017) Bilder: G.Bub