Freistaat Bayern – eine sozialdemokratische Erfindung

Rolf Höller

Ralf Höller las aus seinem Buch über die bayerische Revolution im November1918

Eigentlich wissen viel zu wenig Menschen, wie das damals in München war, findet Dr. Bernd Vilsmeier, Landtagskandidat und stellvertretender SPD Bezirksvorsitzender. Im November1918 hatte die Revolution den Sozialdemokraten Kurt Eisner für gut drei Monate zum bayerischen Ministerpräsident gemacht.

Herbert Petrilak-Weissfeld, der SPD Ortsvorsitzende, bedauerte, dass kaum bekannt sei, dass Eisner der Gründungsvater des Freistaates Bayern war. Deswegen haben die Sozialdemokraten den Historiker, Journalisten und Buchautor Ralf Höller in den Plattlinger Bischofshof eingeladen, um aus seinem Buch „Das Wintermärchen –Schriftsteller erzählen die bayerische Revolution und die Münchner Räterepublik1918/19“ zu lesen.

Durch die Augen zeitgenössischer Autoren erzählt
In den unterhaltsamen eineinhalb Stunden erzählte Höller durch die Augen und mit den Worten der bekannten Autoren Oskar Maria Graf, Rainer Maria Rilke, Thomas Mann und Lion Feuchtwanger, von Josef Hofmiller, Gymnasiallehrer und Schriftsteller, Erich Mühsam, Schriftsteller und politischer Aktivist, Annette Kolb, Schriftstellerin und Pazifistin und anderen davon, was damals geschehen ist. Der Journalist Kurt Eisner war zu jener Zeit Mitglied der USPD. Die Unabhängigen Sozialdemokraten hatten sich im 1.Weltkrieg von der SPD abgespalten. Sie wollten Frieden und die Interessen der Arbeiter besser vertreten als die SPD. In seinem Roman „Wir sind Gefangene“ beschreibt Graf, wie die Revolutionäre am 8. November nach einer Kundgebung auf der Theresienwiese friedlich und jubelnd durch München ziehen, die Kasernentore öffnen und rote Fahnen aus den Fenstern hängen. Die Menge zieht zum Landtag, Eisner setzt sich auf den Präsidentensessel und eröffnet die Sitzung. Nach einer Stunde stimmt die Versammlung über den Entwurf einer Pressemitteilung ab, in der Bayern zum Freistaat erklärt wird. Lion Feuchtwanger schildert, wie König Ludwig III mit seiner Familie abreist. Aus Untertanen sind Volksgenossen geworden. Die Stimmung soll heiter gewesen sein. Eisner war der erste Ministerpräsident des Freistaats –Soldaten, Arbeiter und Bauernräte bildeten ein Übergangsparlament bis zu den Wahlen. Schon bald gab es Spannungen und Machtkämpfe unter den Revolutionären. Sie waren einfach zu unterschiedlich: Eisner beispielsweise war ein intellektueller Fabrikantensohn, Innenminister Erhard Auer hatte sich aus großer Armut in Niederbayern empor gearbeitet. Die USPD bekam bei der erstenLandtagswahlam12.Januar kaum Zustimmung, große Gewinnerin war die Bayerische Volkspartei. Am 21. Februar 2019 tratEisner als Ministerpräsident zurück und wurde noch am selben Tag von Anton Graf Arco auf Valley ermordet. Die Schießerei löst eine Panik im Landtag aus. Letztendlich kann auch der neue Ministerpräsident Johannes Hofmann die Räterepublik nicht retten. Nach Schießereien mit vielen Toten zwischen roten, revolutionären Soldaten und weißen Garden ist die Räterepublik Anfang Mai bereits wieder Geschichte.

Es mit keinem Menschen verderben wollen und daran scheitern
Josef Hofmiller sah damals den Zustand der Sozialdemokratie als einen Grund, warum die Räterepublik scheiterte: In einer „merkwürdig aktuell anmutenden Analyse“ beschrieb er sie als eine Partei, die es allen recht machen wolle. „Sie ist richtig deutsch: Mit aller Welt gut stehen wollen, es mit keinem Menschen verderben wollen und gerade dadurch es mit aller Welt verderben“. Das war das Stichwort für die Genossen in Plattling, darüber zu diskutieren, was heute schief läuft, wenn Menschen, die sich abgehängt fühlen oder Angst vor der Zukunft haben, sich von der SPD abwenden und ihr Heil etwa bei der AfD suchen.
Petrilak-Weissfeld beunruhigt, dass Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit wieder salonfähig würden und die SPD den verunsicherten Bürgern keine Antwort auf ihre Sorgen geben könne. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich weiter, nach wie vor wird Einkommen durch Arbeit höher besteuert als Kapitalerträge, internationale Konzerne zahlen kaum Steuern in den Ländern, in denen sie ihre Gewinne erzielen, Europa erweist sich als viel zu bürgerfern.

Angst vor der eigenen Courage
Warum ist damals die Räterepublik gescheitert? Autor Ralf Höller meint, dass die USPD damals zu unorganisiert war und mehr Zeit gebraucht hätte, sich für die Wahlen zu präsentieren und zu überlegen, wie es weitergehen kann. Rechte Strömungen, die verhindern wollten, dass Arbeiter, Bauern und einfache Soldaten zu viel Macht bekommen, hätten den verlorenen Krieg für ihre Zwecke genutzt und Stimmung gegen die Räterepublik gemacht. Die Sozialdemokraten hätten wohl Angst vor ihrer eigenen Courage bekommen, vermutet Höller.

(PAnz, Summer, 13. März 2018) Bild: Ralf Höller