Geburtshilfe droht der Kollaps

Protestaktion der Beleghebammen am Stadtplatz erfuhr breite Unterstützung
Deggendorf. (dh) Es ist mitunter der älteste Beruf der Welt, der von Frauen ausgeübt wird, und er steht insbesondere in Bayern derzeit vor einer prekären Situation: die Hebamme. Der Grund dafür ist, dass der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV-SV) die Regeln für die Vergütung der Geburtshilfe durch Beleghebammen, die freiberuflich in Krankenhäusern arbeiten, verändern möchte. In der Praxis sähe diese Änderung so aus, dass die diensthabende Beleghebamme nur noch zwei Frauen gleichzeitig betreuen dürfte. Diejenige, die später einträfe, um eine Versorgung der Beleghebamme in Anspruch zu nehmen, beispielsweise als dritte oder vierte Patientin, würde künftig in eine andere Klinik weitervermittelt, in der Hoffnung, dass diese für sie ausreichende Kapazitäten bietet, andernfalls würden die Leistungen der Beleghebamme der „Zuspätkommenden“ privat in Rechnung gestellt.

Stichtag 19. Mai
Zu diesen Leistungen würde keineswegs nur die Entbindung, sondern auch die Arbeit, die mit dem Messen der Herztöne des Kindes beginnt, und über die Entbindung bis hin zur Verlegung auf Station reicht, zählen. Am Freitag, 19. Mai, wird von einer Schiedsstelle entschieden, ob die neuen Regelungen in Kraft treten. Sollte der Spitzenverband der GKV sein Vorhaben umsetzen, hätte dies Folgen für die Hebammenversorgung in ganz Deutschland. Sehr viele freiberufliche Beleghebammen könnten es sich durch die neuen Regelungen weder zeitlich noch finanziell leisten, in Kliniken zu arbeiten. Zahlreiche weitere Kreißsäle und Geburtsabteilungen müssten schließen und eine persönliche 1:1-Betreuung der Familie durch die Hebamme würde entfallen. Auch wer sich erst nach der 38. Schwangerschaftswoche für diese Betreuungsform entscheidet, müsste künftig alles aus eigener Tasche zahlen. Darüber hinaus müssen sich Frauen auf weitere Anfahrten zu den Geburtskliniken gefasst machen.

"Stelleuch nicht blind!"
Einen guten Grund hatten daher die Beleghebammen aus Dingolfing, Straubing, Zwiesel, Passau, Freyung, Altötting, Eggenfelden, Landshut und Deggendorf am Samstagmittag auf dem Oberen Stadtplatz, um die Bevölkerung auf ihre fatale Situation aufmerksam zu machen. Sie taten dies mit einer riesigen Protestaktion unter dem Motto „Hört uns zu! Stellt Euch nicht blind! MIT uns bekommt ihr Euer Kind!“. Für ihre selbstorganisierte Aktion erfuhren die insgesamt 16 Deggendorfer Beleghebammen enorme Unterstützung nicht nur seitens der unzähligen Interessierten, darunter unter anderem viele Schwangere und Mütter, die sich an ihrem Stand über den aktuellen Stand der Lage informierten oder aber mit Demoschildern gegen die Planungen angingen, sondern auch vonseiten der Politik. Denn gerade in Bayern, wo 80 Prozent der Beleghebammen tätig sind, ist es wichtig, etwas gegen die Systemänderung zu unternehmen und diese nicht so hinzunehmen.

Viele Teilnehmer hörten aufmerksam zu
Viele Teilnehmer hörten aufmerksam zu

Heimatnahe Versorgung
„Wir wollen Frauen und Kinder heimatnah und gut versorgen können und wünschen uns, dass alles so bleibt, wie es ist“, sagte die Deggendorfer Hebamme Bärbel Vollkommer-Würfel in ihrer Begrüßung. Sie freute sich, dass sie und ihre Kolleginnen auf die Unterstützung und Solidarität vom Chefarzt im Zentrum für Frauenheilkunde am Donau-Isar-Klinikum, Dr. med. Ronaldo Stuth, Landrat Christian Bernreiter, Oberbürgermeister Dr. Christian Moser, CSU-Bundestagskandidat Thomas Erndl, MdB Rita Hagl-Kehl, Kultusstaatssekretär Bernd Sibler, Stadt- und Kreisrat Dr. Georg Meiski, MdL Hubert Aiwanger, Dr. med. Josef Reitberger, Deggendorfer Frauenarzt und Chefarzt der Gynäkologie und Geburtshilfe in der Arberlandklinik Zwiesel, sowie zahlreicher Stadträte bauen können. Auch Deggendorfs Beleghebamme Julia Weng, die für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist, betonte: „Frauen brauchen Beleghebammen und die Beleghebammen brauchen die Frauen.“

Das Leitungsteam und Unterstützer
Das Leitungsteam und Unterstützer

Petition im Internet
Sie forderte die Zuhörer dazu auf, die Petition zu unterschreiben, im Internet auch zu finden unter www.openpetition.de/petition/online/erhalt-der-beleghebammen.
Trotz seines Urlaubs ließ es sich auch Landrat Bernreiter nicht nehmen, an der Aktion mitzuwirken, da ihm die Geburtshilfe wichtig sei und diese erhalten werden solle, so der Landkreischef. Zudem definierte er den Begriff Beleghebamme. Die aktuellen Vergütungsregelungen des GKV-SV sehen vor, dass Beleghebammen für ihre tatsächlichen Leistungen bezahlt werden. Durch die gestiegenen Geburtenzahlen (in Deggendorf waren es 2016 insgesamt 1709) und die Schließung von kleineren Kliniken ist eine Zentralisierung entstanden, die eine enorme Mehrbelastung der Hebammen, die Geburtshilfe anbieten, zur Folge hat.

Mdb Rita Hagl-Kehl: "Perfides System
Obwohl die Krankenkassen das wissen, wollen sie trotzdem bei der Versorgung durch die Beleghebammen weiterhin einsparen, um ihre Ausgaben zu senken. „Die GKV kann nicht machen, was sie will, hier ist die Politik gefordert“, so Bernreiter, der die Planungen als „Irrsinn“ bezeichnete. Für MdB Rita Hagl-Kehl kämen sie „nicht aus dem praktischen Leben“. „Sie passen vielleicht zur Industrie, aber nicht zum menschlichen Körper“, betonte sie und sprach von einem „perfiden System“, da kein Kind sich bei der Geburt an einen Zeitplan halte. Sie appellierte an die Bevölkerung, „gemeinsam an einem Strang zu ziehen“, damit nicht am „falschen Ende gespart“ werde, denn letztendlich war jeder einmal zu Beginn seines Lebens auf die Hilfe einer Hebamme angewiesen. OB Dr. Christian Moser rief die Bürger auf „für die Sache zu kämpfen“ und Thomas Erndl erhoffte sich, „die Strukturen zu erhalten“, damit „kein Gefälle zwischen Stadt und Land einsetzt“. Staatssekretär Bernd Sibler setzte sich ebenso für den Erhalt der bestehenden Regelungen ein und versprach den Beleghebammen, „die neben ihrer fachlich-medizinischen Kompetenz auch emotionale Unterstützung bieten“ seine Unterstützung.

„Weltfremde“ Ansicht
Chefarzt Dr. med. Ronaldo Stuth meinte, er verstehe die Krankenkassen, die sich mit ihrem Vorhaben eine Qualitätssteigerung versprechen, bezeichnete diese Ansicht allerdings als „weltfremd“. Die Beleghebammen seien für ihn die „tragenden Säulen“ der Geburtshilfe, nicht zuletzt weil ein Arzt nur bei Problemfragen herangezogen werde. Die „Rundumversorgung“ könne nicht mehr gewährleistet werden, „da die doppelte Anzahl an Beleghebammen benötigt werde“, und daher könne man künftig von einem Hebammennotstand sprechen, so der Chefarzt. Auch die beiden Parteiangehörigen der Freien Wähler, Dr. Georg Meiski und Hubert Aiwanger, stellten sich auf die Seite der Beleghebammen. Weil es in der Sache „5 vor 12“ ist, etwas zu unternehmen, ließen alle Teilnehmer der Aktion schwarze Luftballons steigen, um ein Zeichen zu setzen.

Mit schwarzen Luftballons ein Zeichen gesetzt
Mit schwarzen Luftballons ein Zeichen gesetzt

(PAnz 19.04.2017, Fotos: Henneicke)