„Gemeinsam gegen Extremismus vorgehen“

Diskussion nach Vorführung des Films „Der blinde Fleck“ im Schwali-Kino

Deggendorf. (rs) Die Bombe explodierte in der Nacht von Freitag auf Samstag am 26. September 1980. Unter den Toten am Tatort im Eingangsbereich des Münchner Oktoberfest-Areals ist auch ein Mitglied der rechtsradikalen Wehrsportgruppe Hoffmann. Der 21-jährige Gundolf Köhler aus Donaueschingen wird von den zuständigen Ermittlungsbehörden sehr schnell als Täter identifiziert. Viele Fragen des blutigen Massakers, bei dem 13 Menschen starben und 211 teils schwer verletzt wurden, bleiben allerdings bis heute offen:

Hat Köhler wirklich allein gehandelt? Gibt es Mittäter? Stammen Hintermänner aus der rechtsextremistischen Szene? Wurden Täter und angenommene Hintermänner möglicherweise aus der honorigen Mitte der Gesellschaft heraus gedeckt und im Vorfeld des Terrorakts verharmlost? Gefährdete die Tat und ihr zu vermutender neonazistischer Kontext Karriere-Ambitionen hochkarätiger Politiker bei der damals unmittelbar bevorstehenden Bundestagswahl? Viele von diesen Fragen sind bis heute offen. Sie markieren die Kernelemente des Polit-Thrillers „Der blinde Fleck“ aus dem vergangenen Jahr.

Spurensuche zum Oktoberfest-Attentat
Der Plot gilt vielen inzwischen als exzellenter gedanklicher Impulsgeber für diverse aktuelle Fragen zum Thema „Neonazismus in Bayern“ und insbesondere auch zum „NSUKomplex“ um die rechtsextremen mutmaßlichen Terroristen Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos. Die Handlung basiert hauptsächlich auf den über 30-jährigen Recherchen des Journalisten Ulrich Chaussy vom Bayerischen Rundfunk. Gegenwärtig bemüht sich der Rechtsanwalt der Opfer, Werner Dietrich, auf der Grundlage inzwischen freigegebener „Spurenakten“ um die Wiederaufnahme des Verfahrens. Der deutsche Polit-Thriller folgt in weiten Teilen dem Muster von „Die Unbestechlichen“ aus dem Jahre 1976, in dem es um die Aufklärung des amerikanischen Watergate-Skandals im Zuge des US-Präsidentschaftswahlkampfs durch die Journalisten Bob Woodward und Carl Bernstein geht. Das Netzwerk „Buntes Deggendorf“ hat am Dienstagabend „Der blinde Fleck“ in Zusammenarbeit mit dem Schwali-Kino und unterstützt durch das Bundesprogramm „Toleranz fördern – Kompetenz stärken“ vor etwa 30 interessierten Zuschauern gezeigt.

„Gegenseitige Vorwürfe unterlassen“
Die anschließende Diskussion im Foyer begann auf Anregung des zweiten Bürgermeisters Günther Pammer und des evangelischen Pfarrers Gottfried Rösch mit einem stillen Gedenken an die Opfer des Oktoberfest-Attentats.
Extremismusexperte Jan Nowak von der regionalen Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus Oberpfalz/ Niederbayern gab zu Beginn Erläuterungen zum Film und dem tatsächlichen Attentats-Geschehen. Er trennte die historisch verbürgten Fakten von den Fiktionen, die sich aus rein dramaturgischen Gesichtspunkten herleiten. Bei den Film-Besuchern gab es zum Teil unterschiedliche Einschätzungen über das damalige Zusammenspiel von Politik und Ermittlungsbehörden.
Die Diskussion mündete schließlich in dem Appell, gemeinsam gegen extremistische, insbesondere rechtsextremistische Gewalttäter mit den Mitteln couragierter zivilgesellschaftlicher Aktionen und Gegenaktionen vorzugehen. Zur Sprache kamen auch einige Beschlüsse im Begleitausschuss des Bundesprogramms „Toleranz fördern –Kompetenz stärken“, die für einige Aktivisten der Initiative „Deggendorf Nazifrei“ unverständlich seien (wir berichteten).

Der Plattlinger Stadtrat Herbert Petrilak-Weissfeld forderte dazu auf, unterschiedliche Demonstrations- und Kundgebungsformen gegen den „braunen Ungeist“ zu akzeptieren und zu tolerieren. Jüngere und ältere Bürger bevorzugten jeweils andere Aktionsformen. Untereinander sollten undifferenzierte, unbegründete und pauschale gegenseitige Extremismus-Verdächtigungen unterlassen werden. Bei begründeten Zweifeln an bestimmten Aktivitäten und Akteuren müssten immer Ross und Reiter und vor allem konkrete Beweise genannt werden.

Der blinde Fleck

Bürgermeister Pammer: „CSU zeigt Flagge“
Pammer zeigte anhand von mehreren Beispielen aus diesem Jahr, dass seine Partei, die CSU, bei vielen Aktionen gegen gewaltbereite Rechtsextremisten entschlossen und mit eigenem Profil mitgewirkt habe. Die CSU kenne keine „blinden Flecken im Kampf gegen den Extremismus“. Das gelte hinsichtlich des neuerdings zunehmenden Neonazismus, aber auch bezogen auf linksextremistische Gewalttäter. Pammer nannte in diesem Zusammenhang auch die bevorstehende Bürgerversammlung zum Thema Erstaufnahmeeinrichtung für asylsuchende Flüchtlinge am 28. Oktober im Schulzentrum. Diese sei ein gutes Beispiel für einen konstruktiven und sachlichen Bürgerdialog seitens des Bezirks und des Landkreises. Für die Polizei in ihrer Funktion als straftataufklärende Ermittlungsbehörde und als umsetzender Arm der Staatsanwaltschaft hatte Pammer, Polizeibeamter im Ruhestand, besonders anerkennende Worte.

„Rechtsextremismus wird nicht unterschätzt“ Nowak bestätigte, dass bei den staatlichen Behörden und Institutionen aktuell keine Unterschätzung des Rechtsextremismus festzustellen sei. Allerdings gebe es durchaus noch viele regionale Unterschiede im Umgang mit rechtsradikalen und gewaltbereiten Extremisten in Bayern. An der Veranstaltung nahmen auch der Stadtrat Karl-Heinz Stallinger und zu Beginn des Abends der Geschäftsführer des Kreisjugendringes und Stadtrat Martin Hohenberger teil. Gestern lief der Film im Lichtspielhaus vor den Schülern mehrerer Schulklassen.

(Donau-Anzeiger, 15. Okt.2014)
Titelbild: Buchumschlag "Oktoberfest - Das Attentat", von Ulrich Chaussy, erschienen im Verlag Links, Berlin