Hebammen in Not

Am Dienstag hielt die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen ihre Jahresversammlung mit Neuwahlen ab. Auf der Tagesordnung stand auch das Referat der Hebamme Bärbel Vollkommer, über die gegenwärtig schon schwierige Situation und die existenzgefährdenden Aussichten für Hebammen.

Zäh erkämpftes kann den Frauen verloren gehen
Zunächst jedoch begrüßte die AsF-Vorsitzende Sabine Liebhaber Mitglieder und Gäste, darunter die MdB a.D. und AWO-Kreisvorsitzende Bruni Irber, die örtliche AWO-Vorsitzende und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes Gertrud Kuhnke, und den Stadtrat Herbert Petrilak-Weissfeld. Liebhaber freute sich, dass auch einige Männer aus Interesse an dem für Familien wichtigen Thema des Erhalts der Betreuung durch Hebammen gekommen waren. Bruni Irber dankte in ihrem Grußwort der AsF für die aktuelle Themensetzung und den nun schon Jahrzehnte währenden Einsatz für Frauenrechte. Diese mussten zäh erkämpft werden, und könnten auch wieder verloren gehen, wenn sich junge Frauen nur darauf verließen, das alles von allein so bliebe wie es ist. Stadtrat Petrilak-Weissfeld dankte Bärbel Vollkommer für ihre Bereitschaft als fachkundige Referentin das Thema zu erklären, denn die Versorgung werdender Mütter und die Nachsorge und Beratung der Familien dürfe nicht verloren gehen.

Immens gestiegen Versicherungsbeiträge
Bärbel Vollkommer, die wie alle Hebammen in Niederbayern selbständig tätig ist, wies gleich auf den Kern der für den Berufsstand bestehenden Gefährdung hin: Das Problem der bereits immens gestiegenen, und weiter stark steigenden Beiträge zur Haftpflichtversicherung und den Ausstieg der Versicherer aus diesem Geschäftsbereich. Bisher boten drei Versicherer in einem gemeinsamen Pool, der somit ein Versicherungsmonopol darstellt, die für selbstständige Hebammen gesetzlich vorgeschriebene Berufshaftpflichtversicherung in verschiedenen Leistungskombinationen an. Binnen zehn Jahren erhöhte sich jedoch der jährliche Haftpflichtbeitrag von 400 auf 4400 €. Eine immense Steigerung, die schon viele Hebammen zur Aufgabe zwang. Zudem ist ein Versicherer bereits aus dem Pool ausgestiegen, eine zweite folgt Mitte nächsten Jahres, nur noch die Nürnberger Versicherung bleibt dann übrig, und hat schon weitere drastische Beitragserhöhungen in Aussicht gestellt. Damit steht der Berufsstand, und damit Vor-und Nachsorge vor dem Aus. „Wir Hebammen arbeiten aus Überzeugung, das geht bei den Belastungen auch gar nicht anders, und sicher nicht jede arbeitet für den errechneten Durchschnittslohn von 7,50€ pro Stunde, aber mit einer Verdopplung der Versicherungsbeiträge wird die Tätigkeit völlig unwirtschaftlich“, klärte Vollkommer auf.

Nicht die Zahl der Schadensfälle, die Haftungssummen steigen
Auf entsprechende Nachfrage von Bruni Irber versicherte sie, dass sich zwar nicht die Fallzahlen der Geburtsschäden, jedoch aber die für lebenslange Beeinträchtigungen geforderten Haftungssummen im Laufe der Zeit sich drastisch erhöht hatten und deshalb die Beiträge entsprechend gestiegen sind. Die Krankenkassen gehen zur Behandlung zwar in Vorleistung, nehmen dann aber ihre Berufshaftpflicht in Regress. Ihr persönlich sei zwar keine Hebamme bekannt, die durch einen Fehler bei der Berufsausübung in Höhe mehrerer Millionen in Haftung genommen wurde, um neben Behandlungskosten auch lebenslange Renten und Betreuung sicher zu stellen, die über einen Zeitraum von 30 Jahren eingeklagt werden können. Dennoch gibt es leider diese Fälle, und darum auch die umfassende Dokumentation aller Tätigkeiten, die mittlerweile einen Großteil der Arbeitszeit umfassen.

Sehr gute Zusammenarbeit mit Ärzten und Sozialeinrichtungen
Tobias Stadler fragte, ob es vielleicht im Interesse einer Ärztelobby sein könnte, wenn die Hebammen aus der Geburtshilfe gedrängt werden, und alle Geburten in der Klinik stattfinden müssten. „Nein, das ist sicher nicht der Fall, das Klinikum Deggendorf ist auf höchstem Ausstattungs- und Leistungsniveau, zu jeder Geburt muss dennoch eine Hebamme hinzugezogen werden, das ist gesetzliche Lage und wir arbeiten mit der Ärzten sehr gut zusammen, zudem gibt es überall einen Ärztemangel “, informierte Bärbel Vollkommer.
Sehr gut sei auch die Zusammenarbeit mit den Sozialverbänden und der Jugendfürsorge bei der Betreuung sozial schwacher Familien, bei denen das Kindeswohl oft nicht gesichert ist. In diesem Zusammenhang zeigte sich Bärbel Vollkommer überzeugt, dass das neu eingeführte Betreuungsgeld bei diesem Empfängerkreis nicht für den eigentlichen Zweck, eben das Kindeswohl, ausgegeben wird. Wesentlich sinnvoller wäre es, die Gelder in Betreuungs- und Fördereinrichtungen zu investieren.

Lösungsvorschläge liegen auf dem Tisch Es könnte eine Deckelung bei der Haftungsverpflichtung eingeführt werden, so dass auch die Versicherungsbeiträge begrenzt bleiben, es könnte die Berufsversicherung der Hebammen in einen größeren Beitragszahlerkreis, z.B. den Krankenkassen einbezogen werden. Es könnten die Krankenkassen einen zeitlich begrenzten Verzicht auf Regress eingehen, bis eine staatliche Ko-Finanzierung oder gänzlich staatliche Versicherung ohne Renditedruck gebildet werde. „Nicht nur der Berufsverband der Hebammen arbeitet intensiv an diesem Thema, Hebammen organisieren Demonstrationen, sprechen mit lokalen Politikern und übergeben Schriftmaterial, wie ich an unsere Abgeordnete Rita Hagl, zur Weiterleitung an Fachpolitiker wie Karl Lauterbach,“ informierte Bärbel Vollkommer, „Unterstützer unterzeichnen an Infoständen und im Internet Petitionen.“ Wichtig ist nun jede mögliche Unterstützung von jeder Seite.

AsF-Vorsitzende Sabine Liebhaber im Amt bestätigt Die AsF-Vorsitzende Sabine Liebhaber bedankte sich herzlich für die umfassende Informationen die Bärbel Vollkommer wie beschrieben und darüber hinaus vorgetragen hatte, und leitete über zu den Neuwahlen, vor die sie ihren Rechenschaftbericht stellte. Darin nannte sie die Besuche bei der Berufsförderschule St. Erhard, der Kinderkrippe, den Stadtwerken und am neuen Casino-Kreisel, die Weihnachtsfeiern und Kinderfaschingsnachmittage, die Büchermärkte und die Info-Veranstaltung über die Rolle der Frau im Alevitentum. Anschließend übernahm Stadtrat Herbert Petrilak-Weissfeld das Amt des Wahlleiters und bat die Versammlung um Entlastung der Vorstandschaft. Die Neuwahlen wurden schriftlich und dennoch zügig durchgeführt.

ASF JHV 2014
(v. l.: Bruni Irber, Sabine Liebhaber (1. Vorsitzende), Bärbel Vollkommer (Referentin), Brigitte Weiß (2. Vorsitzende), Irmgard Bernauer, Christa Vollkommer (Beisitzerinnen)

(11.04.2014 HPW)