Mehr als ein halbes Leben im Plattlinger Stadtrat

Von seinen 65 Lebensjahren ist Georg Weiß (SPD) bereits 34 in der Kommunalpolitik tätig

Von Rene Gomm

Plattling. Fachliche Kompetenz, Durchsetzungsvermögen und eine unermüdliche politische Ausdauer schärfen das Profil von Plattlings markantestem Stadtrat. Politik als Leidenschaft, Inbrunst oder Erfüllung? Mit wenigen Worten lässt sich seine Weise des Verständnisses von Politik nicht nennen, denn an den Charakterzügen von Georg Weiß (SPD) ist eines ersichtlich – hier wird Kommunalpolitik aus reinem Herzblut betrieben.

Aufgewachsen in einer Familie, für die die Politik Überzeugung und Idealismus war, wurde Georg Weiß schon in frühen Jahren mit dem politischen Leben konfrontiert. Das Interesse wuchs stetig an und insbesondere die Arbeit in der Gewerkschaft prägte sein politisches Profil, denn in Schulungen lernte Weiß nicht nur, wie Politik funktioniert, sondern auch was seine politische Heimat ist. „Eines war für mich klar. Es muss die SPD sein und es gibt für mich keine Alternative“, so Weiß. Jedoch erst im Jahre 1976 nahm Weiß das Parteibuch als offizielles Mitglied entgegen.

Seine erste und zugleich erfolgreiche Kandidatur war 1978 und diese ist bis auf das Ergebnis untypisch für den politischen Lebenslauf von Georg Weiß. Warum er kandidierte? „Bei der SPD brauchst du jeden Mann und jede Frau, um eine Liste aufzustellen und so trat ich an. Ich hätte nie damit gerechnet, dass ich zum Stadtrat gewählt werde“, erinnerte sich Weiß. Seit seinem ersten „Wahlkampf“ verfolgt Weiß ein identisches Schema – keine persönliche Werbung, sondern aufgrund bewiesener Kompetenz die nötige Zustimmung erhalten.

Gerne erinnert sich Georg Weiß an seine erste Amtsperiode, denn diese sei laut eigener Aussage die mit Abstand schönste gewesen. Vor allem waren es die Persönlichkeiten Eduard Berger, Eduard Stumpf, Karl Pfisterer, Siegfried Scholz und Wolfgang Eisenhofer, die die Amtsperiode zu dem machten, was sie war. Auch Josef Kiefl als damaliger Bürgermeister sorgte für ein gutes Miteinander und lehrte Weiß viel über die Kommunalpolitik. „Damals war Bier Bier und Schnaps Schnaps. Im Stadtrat waren wir andere Menschen als außerhalb und so wurden Freundschaften über die Parteigrenzen hinaus gepflegt“, so Weiß.

„Der Haushalt ist die Bibel der Kommune“
Von Anfang an wusste der nun etablierte Stadtrat und Fraktionsvorsitzende der SPD, in welchem Ressort seine Bestimmung liegt. Es war die Haushaltspolitik im Finanz- und Steuerausschuss sowie im Rechnungsprüfungsausschuss. „Der Haushalt ist die Bibel der Kommune. Hier wird entschieden, was kommt und passiert“, erläuterte Weiß sein Interesse an der Haushaltspolitik. Im Zuge dessen zog Weiß im Gespräch mit dem Plattlinger Anzeiger eine Bilanz über die drei Bürgermeister, die er in seiner kommunalpolitischen Karriere durchlaufen hat.

Unter Josef Kiefl wurde das Kanalnetz ertüchtigt und ausgebaut, ein neues Rathaus errichtet und das Industriegebiet besiedelt. Den Schritt, dass das Industriegebiet besiedelt wurde, beschreibt Weiß als Grundstein für den Wohlstand, den die Stadt Plattling heute genießt.

Als produktivste Zeit der Stadtpolitik sieht Weiß die zwölf Jahre unter Siegfried Scholz. Obwohl keine Stadtratsfraktion eine eigene Mehrheit hatte, war es laut Weiß die Blütezeit der Stadt Plattling. Neu errichtet wurden zum Beispiel der derzeitige Bauhof, die Stadtwerke, die Turnhalle der Grundschule, zwei Kindergärten und das Jugendzentrum. Durch die Westspange wurde das Industriegebiet angeschlossen.

Von der ersten Amtsperiode des derzeitigen Bürgermeisters Erich Schmid ist Georg Weiß etwas enttäuscht. „Die gesamte Energie der sechs Jahre floss in ein überdimensioniertes Projekt“, so Weiß. Mittlerweile sieht er das Ganze wieder positiver, denn es tut sich wieder einiges in der Stadt.

Seine größte Freude während der 34-jährigen Stadtratstätigkeit
war die Verhinderung der Müllverbrennungsanlage sowie der erfolgreiche Bürgerentscheid gegen die überdimensionierte Stadthalle. Doch musste Weiß auch einige Enttäuschungen erfahren, wie zum Beispiel die Schließung des Krankenhauses in Plattling. „Als Kreisvorsitzender habe ich gemeinsam mit der Kreistagsfraktion, der ich seit 1990 angehöre, für den Erhalt gekämpft“, so Weiß. Als die Chirurgie geschlossen wurde, erkannte Weiß, dass das das Ende vom Krankenhaus Plattling ist. Trotz der Bemühungen und des unermüdlichen Kampfes für den Erhalt entschied sich die Mehrheit des Kreistages für die Auflösung, was Weiß heute noch erschüttert.

Ein weiter herber Schlag in seiner Laufbahn war das Ergebnis der Kommunalwahl von 2002, welches sich der jetzige Fraktionsvorsitzende bis heute nicht erklären kann. „Wir haben in der Zeit von 1996 bis 2002 sehr gute Arbeit geleistet. Es war eine aufstrebende Zeit für die Stadt unter Siegfried Scholz und ich kann mir bis heute nicht erklären, warum wir fast die Hälfte unserer Mandate verloren haben“, bemerkte Weiß nachdenklich. Auch das bisweilen erfolglose Bestreben nach einem Gymnasium liegt Weiß schwer im Magen.

Wie hat sich der Stadtrat und dessen Arbeit in den vergangenen 34 Jahren verändert ?
Wie früher orientiert sich die Kommunalpolitik auch heute noch an Sachaufgaben und -zwängen. Deshalb seien auch 95 Prozent der Beschlüsse einstimmig, jedoch bereitet Weiß eines Sorgen. „Absolute Mehrheiten sind der Beginn eines Lasters“, so Weiß. Georg Weiß kann diese Belastung aneinem Beispiel konkretisieren: „Wenn es möglich ist, ohne Grundsatzbeschluss und Haushaltsbestimmung 700 000 Euro für Planungskosten auszugeben, dann sind das die Auswirkungen einer absoluten Mehrheit“. Jedoch ist er für die Zukunft frohen Mutes, denn nach seinem Gefühl wird die Zusammenarbeit mehr als in der vergangenen Zeit gesucht.

„Politik hat einen gewissen Suchtfaktor“
Strebt jemand eine ausgiebige und langjährige Laufbahn im Stadtrat oder in der Politik an, so braucht derjenige laut Weiß eines – eine Menge Idealismus. Aber auch hat die Politik einen gewissen Suchtfaktor. „Ich habe das Gefühl, man wird gebraucht, es macht Lust, Spaß und irgendwie wird man nach Politik süchtig“, so Weiß.

Die Prognose für die Zukunft Plattlings sieht demnach folglich aus. Zukünftig sollte auch weiterhin darauf geachtet werden, dass Gewerbe behutsam nach Qualitätsmerkmalen angesiedelt wird, junge Familien nach Plattling ziehen und der Kampf ums Gymnasium keinesfalls aufgegeben werden darf. Die Ostumgehung und die dritte Autobahnausfahrt werden laut Weiß eine spürbare Verbesserung für Plattling bringen.

(Artikel des Plattlinger Anzeiger vom 18. August 2012)