Mein Nächster ist genau so göttlich wie ich selbst

Der Arbeitskreis Sozialdemokratischer Frauen (ASF) lud zu einer Infoveranstaltung über das Alevitentum in den Preysinghof ein. Dort gab der alevitische Gelehrte Zeynel Arslan einen Überblick über Humanologie und Philosophie der alevitischen Lehre. Songül Tangbay, Vorsitzende des bayerischen Bundes der alevitischen Frauen, informierte über die Rolle der Frau im Alevitentum.

Gottesliebe statt Gottesfurcht

Über zwei Milliarden Menschen auf der Erde sind Muslime, unter ihnen geschätzte 20 Millionen Aleviten. Diese Ausprägung des Islam hat eine eigene und höchst humanistische Ethik und Religiosität ausgeprägt, die auf den Kern des Menschseins zielt. Zwei wesentliche Kernaussagen sind ein umfassender Weltfriede sowie eine Gottesliebe, die sich fast diametral zur Gottesfurcht bewegt, wie sie zumal in schriftgläubigen und konservativen Glaubensrichtungen vorherrscht. Auch eine dritte Kernaussage ist für manche Traditionalisten ein Dorn im Auge, die gelebte Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Die Fragen sind vermutlich so alt wie die Menschheit selber und sie werden in sicher jeder Religion und Weltanschauung immer wieder neu gestellt und diskutiert, die des Sinn des Lebens und die Frage nach einem göttlichen Prinzip. Dazu wird auch in Zukunft danach gefragt, was die Menschen individuell einzigartig macht.

Der kategorische Imperativ Alis und Kants

Zeynel Arslan ist Dede, wörtlich mit „Großvater“ übersetzt, und damit Gelehrter und primus inter pares im Alevitentum. Arslan referierte über einen Glauben, der innerhalb des Islam kritisch beäugt und teils heftig angefeindet wird, obgleich er sich für ein gelassenes Verständnis aller Menschen stark macht. Arslan versteht das Alevitentum als eine Sinnsuche unter vielen anderen. Der Kern der alevitischen Ethik sei spirituell und universell zugleich und beinhaltet den Respekt des Anderen wie man sich selbst respektieren soll. Von Konfuzius über bis hin zu Rabbi Hillel, das biblische Matthäusevangelium, Mohammeds Vetter und Schwiegersohn ʿAlī ibn Abī Tālib und den anatolischen Dichter und Mystiker Yunus Emre reicht eine Aussage, die der Philosoph Immanuel Kant im Kategorischen Imperativ fixierte: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Mein Nächster ist genauso göttlich wie ich

Das Alevitentum, so Arslan, lehre eine Menschen- und Selbsterkenntnis, die das sittliche Gebot der Liebe und einen universell verstandenen Respekt impliziert. „Mein Nächster ist genauso göttlich wie ich selbst“. Damit verstehe das Alevitentum einen Gott und ein göttliches Licht, das in jedem Menschen steckt. Arslan beendete seinen Vortrag mit einen „Rosenruf“ einer musikalischen Fürbitte. Auf deutsch sang er, selbst begleitet auf einer Saz, einer türkischen Gitarre, über die größte Macht, die ein Machtverzicht sei, und die größte Tugend, die die Aufrichtigkeit sei.

Gelebte Gleichberechtigung

„Alles, was Gott geschaffen hat, ist vollkommen“, so auch Songül Tangobay über das gleichberechtigte Verständnis von Mann und Frau. Als zentrale Forderung sein im Alevitentum die Zügelung von Hand, Zunge und Lenden festgeschrieben, die Tangobay mit den zehn Geboten in der christlichen Bibel verglich. Innerhalb der Alevitischen Gemeinde Deutschland hätte sich ein Dachverband für Frauen sowie der Bund der Alevitischen Jugend in Deutschland gebildet. Sowohl für die Frauen wie für die Jugendlichen sei die Stärkung der eigenen Rechte wichtig.

Benachteiligung hält an

Die Veranstaltung wurde auch von Bruni Irber, ehemalige Bundestagsabgeordnete, sowie den Stadträten Georg Weiß und Heidi Werner und der AWO-Ortsvorsitzenden Gertrud Kuhnke besucht. Im Rahmen einer Fragerunde wurden weiterführende Informationen über das soziale und politische Leben in der Türkei erörtert. Beispielsweise sagte Arslan, dass es in diesem vorderasiatischen Staat 85000 Moscheen gebe, aber nur 150 Cemhäuser, die Begegnungsstätten der Aleviten, dass es mithin für 350 Einwohner eine Moschee gebe, dass aber nur ein Krankenhaus auf 20.000 Einwohner komme.

Vortrag über das Alevitentum
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Foto v.l: Ibrahim Kaplan (Vors. des Alevitischen Kulturvereins Plattling und Umgebung), Herbert Petrilak-Weissfeld (SPD-Ortsvors.), Filiz Cetin (Bürgermeister-Kandidatin Essenbach), Ruth Müller (stellv. Vors. der Niederbayern-SPD), Zeynel Arslan (Referent und Dede), Songül Tangobay (Vors. des Bundes der alevit. Frauen in Bayern), Sabine Liebhaber (Vors. der ASF Plattling)

(Thomas Jenner, PNP 18.06.2013)