Über die Zwangssterilisation und Euthanasie in Mainkofen während der NS-Diktatur

Als eine Veranstaltung des Aktionsbündnisses „Deggendorf Nazifrei“, fand am 24. Juli im Bischofshof ein Vortrag mit anschließender, lebhafter Podiumsdiskussion statt. Referent war der stellvertretende Leiter des heutigen Bezirkskrankenhauses Mainkofen, Herr Gerhard Schneider, der die Ergebnisse seiner Forschung in den Archiven des Bezirksklinikums Mainkofen vorstellte. Herr Heinz Michael Vilsmeier, Kreisvorsitzender der Linken in Deggendorf begrüßte dazu etwa 20 Teilnehmer. Darunter die Stadträte Georg Weiss, Bärbel Vollkommer und Reinhold Gems.

Vilsmeier dankte zunächst Herrn Schneider für seine Bereitschaft die Ergebnisse seiner jahrzehntelangen Sammlung und Auswertung von Akten zu präsentieren, die ohne dessen, dem Klinikum anfangs nicht willkommenes, Eingreifen der Vernichtung anheimgefallen wären. Sein Dank galt auch Herrn Professor Dr. Wolfgang Schreiber, dem ärztlichen Direktor des Klinikums, der anders als sein Vorgänger, dem stellvertretenden Leiter den Rücken freigehalten hatte. Herr Gerhard Schneider erläuterte anhand seiner per Beamer präsentierten Dokumentation sehr detailliert die Handlungen der Verantwortlichen und die Auswirkungen des „Reichgesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Selbst die spätere, lediglich auf privatem Papier, und deshalb auch damals unrechtmäßig erteilte, und dennoch auch in Mainkofen massenhaft befolgte Weisung des Diktators Adolf Hiltler zur Gewährung des Gnadentods für „unheilbar Kranke“ fehlte nicht in der Dokumentation.

Durch die Euthanasiepolitik wurden 604 Menschen zur Verschleierung ihres Verbleibs über Mainkofen nach Hartheim bei Linz per Bahn verbracht und dort in einer Gaskammer getötet. Nach einer anklagenden Rede des Kölner Erzbischofs von Galen wurde das Euthanasieprogramm wurde am 24.08.194 durch den bayrischen Hungererlass abgelöst, dem in Mainkofen 704 Patienten zum Opfer fielen. Damit nicht genug - Im Wahn nach der Suche organischer Hinweise angeblich erblich bedingter Krankheiten, wurden auch noch die Leichen der in Mainkofen zu Tode gebrachten Menschen geplündert: Bis zu 76% der Leichen wurde das Gehirn entnommen. Särge die den Verwandten zugestellt wurden, waren fest vernagelt, um die Diebstähle zu vertuschen.

In diese Verbrechen war Dr. Brettner nicht eingebunden, jedoch war er es, der sich anders als andere Ärzte nicht weigerte ab 1934 bis 1942 in Mainkofen fast 500 Zwangsterilisationen nicht nur an Geisteskranke, sondern auch an Blinden, Tauben, Epileptikern und Alkoholikern vorzunehmen. Der Bezirk Niederbayern stellt sich der Verantwortung würdigen Gedenkens und Mahnung, und eröffnet am 28. Oktober auf dem ehemaligen Friedhof des Bezirksklinikums eine mit fachlicher Sorgfalt konzipierte Gedenkstätte, die den Opfern ihre Namen, und damit einen Teil ihrer Würde zurückgibt. Herr Gerhard Schneider stellte dazu auch das Konzept und die Gestaltungselemente vor.

Podiumsdiskussion Zwangssterilisierungen und Euthanasie in Mainkofen
(Bild: Plattlinger Anzeiger)

Gleich zu Beginn der sich anschließenden Diskussion bemängelte ein Teilnehmer, dass es immer nur für NS-Opfer Mahnmale gebe, aber nicht für deutsche Opfer der Vertreibung. Dieser neben dem Thema liegende Einwurf veranlasste den Podiumsleiter Vilsmeier zur verärgerten Frage, ob damit etwas relativiert werden solle? Der Mann aber verwies zur Bekräftigung seines Standpunktes auf „einen Vorfall in Glogau“ ohne ihn näher zu beschreiben. Daraufhin meldete sich eine Frau (wie sich später herausstellte - eine Verwandte des Dr. Brettner) ebenfalls mit dem Wunsch, dass auch deutschen Opfern eine Gedenkstätte zugebilligt werden müsse. (Anm. der Redaktion: Laut Angaben des Bundes der Vertriebenen gibt es in Deutschland 1500 Gedenkstätten zum Leid der Vertriebenen).

Vilsmeier kam auf Mainkofen zurück und bemängelte, dass über Jahrzehnte das Vergessen der Opfer gewollt gewesen sei. Herbert Petrilak-Weissfeld, Stadtrat und Mitveranstalter meinte dazu, auch wenn hundert Jahre über ein Unrecht vergehen, darf und kann so etwas nicht unter der Decke gehalten werden. „Wir wissen nicht, wer von den Stadträten 1959 etwas über die dunkle Seite des Dr. Brettner wusste, als ihm der Ehrenbrief verliehen wurde. Ganz sicher war 1989 keiner der Stadträte im Bilde über die Vorgänge in Mainkofen.“ Dies bestätigte Georg Weiss, der damals bereits im Stadtrat war: „Wir hatten keine Ahnung.“

Petrilak-Weissfeld erinnerte an eine von Dr. Brettner an das Klinikum gestellte Rechnung, die Teil der Präsentation war: „Herr Dr. Brettner kassierte pro Patienten 50 Reichsmark plus Fahrtkosten. 487x 50 RM ergeben eine Summe von fast 25.000 Reichsmark. Herr Dr. Brettner hat also sich mit den Zwangsterilisationen auch noch ein Vermögen verdient“. Er mahnte aber: „Wir können uns heute zwar fragen warum Menschen wie Dr. Brettner und mit ihm das Pflegepersonal in Mainkofen so handelten. Wir können jedoch unserseits nicht zutreffend sagen, wie wir uns unter den gleichen Umständen damals verhalten hätten“. Dennoch gälte, dass neben den Verdiensten des Dr. Brettner als Chirurg und niedergelassener Arzt, immer die ganze Lebensleistung und ein einwandfreier Leumund die Basis von Ehrungen ist und bleiben müsse, und deshalb die damaligen Ehrungen des Dr. Brettner im Lichte der erst seit einigen Jahren bekannten Erkenntnisse zurück genommen werden müssten.

Dazu meldete sich nochmals die Verwandte des Dr. Brettner: „Wir kannten unseren Vater, Onkel und Opa nur als einen guten, liebevollen Menschen, doch wer den Opfern ihre Ehre genommen hat, kann selber kein Ehrenbürger sein. Wir sind bis heute erschüttert und empört, dass unserem Antrag auf Rücknahme der Ehrungen nicht entsprochen wurde“ ( Plattlinger Zeitung, Ausgabe Nr. 254 von 2010: Offener Brief der Familie). Stadtrat Petrilak-Weissfeld merkte an: „Unser Fraktionsvorsitzender Georg Weiss stelle bereits in 2010 eine entsprechende Anfrage im Stadtrat, die Behandlung des Themas wurde vom ersten Bürgermeister jedoch mit dem Hinweis zurückgestellt, dass der Sachverhalt zunächst durch einen sachkundigen Historiker geprüft werden müsse.“ Tatsächlich aber wurde dieser Antrag der Familie dann nie im Stadtrat zur Abstimmung gestellt.

„Dann dürften viele nicht Ehrenbürger oder Ehrenbriefinhaber sein!“, meldete sich derselbe Mann wie vorher, der die fehlenden Denkmale für die Vertriebenen bemängelte. Dann müsse auch der Flughafen Franz-Josef-Strauß umbenannt werden, wegen all der Vorkommnisse in dessen Amtszeit. „Was passiert aber, wenn die Ehrungen nicht zurückgenommen werden?“, wollte Vielmeier wissen, weil Brettner doch auch fünf Plattlinger ins Gas geschickt hätte. Dazu schüttelte Herr Schneider heftig den Kopf, und Stadtrat Geog Weiss warf ein: „Hier darf nichts vermischt werden, weil Brettner nie etwas mit Gas und in den Tod schicken zu tun hatte.“ Und er klärte den zuvor genannten Mann bei einer seiner weiteren Behauptungen über den ehrenhaften Deggendorfer Urologen Dr. Brettner auf, dass dieser Arzt der gleichnamige Sohn des in Plattling doppelt Geehrten war.

Stadtrat Petrilak-Weissfeld zeigte sich abschließend zuversichtlich, dass der Stadtrat am vorbildlichen Gedenken des Bezirksklinikums Mainkofen orientiert, und sich dem Antrag der Familie und der SPD-Fraktion anschließen wird. Hierzu hat der erste Bürgermeister Erich Schmid, bereits die Behandlung des Antrags in der ersten Sitzung im September zugesagt.

(Eigenbericht)

Hier können Sie, werte Leser, die zum Mainkofener Symposium im Mai von Herrn Schneider präsentierte Dokumentation einsehen: Dokumentation Mainkofen zur NS-Zeit (PDF, 9,97 MB)