Umbenennung als politisches Signal

Letztes Kapitel im Fall Brettner: Bürgermeister Erich Schmid enthüllt das neue Schild für die Sonnenstraße

Plattling. Straßenbenennungen laufen in der Isarstadt eigentlich eher im Stillen ab. Der Stadtrat entscheidet, die Verwaltung kümmert sich um die Abwicklung - das war’s. Zuletzt ist dies so ohne großes Aufheben im Pielweichser Feld Teil II vonstattengegangen. Aber keine Regel ohne Ausnahme: An Silvester gab es eine solche. Die Dr.- Brettner-Straße wurde zur Sonnenstraße. Nach über vier Jahren zog die Stadt damit die Konsequenzen aus dem Engagement, das der ehemalige Plattlinger Chefarzt in den 30er-Jahren während der NS-Zeit gezeigt hatte. (PZ berichtete mehrfach).

Die Bürgermeister-Stellvertreter Roman Fischer und Hans Schmalhofer, die Fraktionsvorsitzenden Franz Geisberger (CSU), Georg Weiß (SPD) und Karl-Heinz Astner (FW) sowie fast alle Stadträte waren am Silvestermittag nach Enzkofen gekommen. Gemeinsam mit den Anwohnern wurde das neue Straßenschild enthüllt. Seit Neujahr hat Plattling ganz offiziell eine Sonnenstraße. Die Anwohner waren sogar (teilweise) noch schneller. Sie hatten schon im alten Jahr ihre Hausnummern gegen welche mit dem neuen Namen ausgetauscht.

Sonnenstraße
Bürgermeister Erich Schmid enthüllt mit Anwohnern das neue Straßenschild. Rechts im Bild Stadträtin Sabine Bernauer und Stadtrat Herbert Petrilak-Weissfeld (Bild: KK)

Ein wichtiges politisches Signal
„Es steckt mehr hinter der Umbenennung“, begründete Bürgermeister Erich Schmid, warum die Stadt von der sonst stillen Vorgehensweise in diesem Fall abrückte. Der Stadtrat habe mit der Entscheidung, Dr. Brettner den Ehrenbrief abzuerkennen und der nach ihm benannten Straße einen neuen Namen zu geben, ein „wichtiges politisches Signal“ gesetzt. Der Jugend zeige man damit, wie man mit der Geschichte umgehe und es sei auch ein Signal an all jene, die dazu neigen, „So schlimm war es ja nicht“ zu sagen. Leider gebe es immer eine Menge von Menschen, die auch zu düsteren Kapiteln sagen würden: „Es hat ja gepasst.“ Und gerade deshalb nannte es Schmid auch wichtig, zu erklären, warum man diese Entscheidung getroffen habe.

Lange Zeit der Aufklärung
Sein Dank galt vor allem SPD-Stadtrat Herbert Petrilak-Weissfeld, der mit seinem Fraktionsantrag den Stadtrat nach über vier Jahren zu einer Entscheidung gedrängt hatte. Schmid dankte auch den beiden Gutachtern, die eingeschaltet worden waren: Dr. Jörg Skriebeleit, den Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg und dessen wissenschaftlichen Mitarbeiter Julius Scharnetzky. Ganz besonders dankte Schmid aber auch den Anwohnern, die durch die Umbenennung die meisten Beschwernisse hätten. Letztlich hatte der Stadtrat bei der Vergabe des neuen Namens auf die Wünsche der Anwohner auch Rücksicht genommen. Anneliese Helmel (in ihrem Garten steht das Straßenschild) enthüllte schließlich mit Bürgermeister Erich Schmid das neue Schild. Und in der Garage von Josef Mehrl standen bereits die Gläser bereit, um auf dieses Ereignis anzustoßen. Eine vierjährige Zeit der Aufklärung ging damit zu Ende.

Brettner hätte sich weigern können
Mittlerweile ist es unzweifelhaft, dass Dr. Brettner an der Zwangssterilisation in der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Mainkofen beteiligt war. Es wurden 491 Sterilisationsopfer ermittelt. Das, was durch die Recherchen des stellvertretenden Krankenhausdirektors Gerhard Schneider im Bezirksklinikum Mainkofen entdeckt wurde, wurde auch in einem 24-seitigen Gutachten der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg eindrucksvoll untermauert. Mindestens 36 der Zwangssterilisisationen hat Brettner demnach selbst vorgenommen. Zudem zeigt das Gutachten auf, dass es Möglichkeiten gegeben hätte, die Sterilisationen bzw. die Beteiligung daran zu verweigern. Dass Brettner dies nicht getan hat, ist ihm aus moralischen Gesichtspunkten anzulasten. Er hat außerdem gegen den Hippokratischen Eid verstoßen, medizinische unnötige Operationen vorgenommen.

Die Angehörigen Brettners unterstützten das Vorhaben der Stadt
„Auch nach unserer Auffassung darf es Ehrenbriefe und die Benennung von Straßen nach Personen, die sich aktiv an den Verbrechen des Nationalsozialismus beteiligt haben, nicht geben“, schrieben sie schon vor vier Jahren. – kk

CHRONOLOGIE
30. Oktober 2010: PZ-Volontär Michael Duschl berichtet über die Forschungsarbeiten des stellvertretenden Krankenhausdirektors Gerhard Schneider über die NS-Vergangenheit in der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Mainkofen mit dem Titel „Er deckt Schrecken einer dunklen Zeit (PDF, 183 kB) auf“. Und dabei macht Duschl öffentlich, was bis dahin nur wenige wussten: Dr. Carl Brettner hatte Zwangssterilisationen durchgeführt.
2. November 2010: Die Verwandten Dr. Brettners (Schwiegertochter und Enkel) äußern sich in der PZ: Sie fordern die Aberkennung des Ehrenbriefes und die Umbenennung der Straße. Für sie macht der Fall klar: „Die Verbrechen, die im und seitens des nationalsozialistischen Deutschlands verübt wurden, wären niemals möglich gewesen, wenn sie nicht von weiten Teilen der Gesellschaft mitgetragen und insbesondere von den gesellschaftlichen Eliten aktiv unterstützt und vorangetrieben worden wären.“ Reaktionen der Familie Brettner (PDF)
8. November 2010: In aller Ruhe will der Plattlinger Stadtrat Informationen sammeln, ehe er entscheidet, welche Schritte angemessen sind. Dazu gehört auch, dass man Historiker bitten wird, die Belege aus der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Mainkofen zu prüfen: Prüfung durch Historiker (PDF)
Im Juli 2014 beantragt die SPD-Fraktion eine Entscheidung: Antrag auf Umbenennung Dr.-Brettner-Str.(PDF)
16. September 2014: Ein von der Stadt bei der Gedenkstätte Flossenbürg in Auftrag gegebenes Gutachten über Dr. Brettner (PDF) liegt vor.
21. September 2014: Der Stadtrat beschließt die Umbenennung und die Löschung aus dem Ehrenbuch. Der Name Dr. Carl Brettner verschwindet aus der Ehrenliste
28. Oktober 2014: Auf dem Gelände des Klinik-Friedhofs wird in Mainkofen eine Gedenkstätte für die Opfer der NS-Zeit eröffnet, in der neben den T4-Transporten und den Toten durch den Hungererlass auch den Opfern durch die Zwangssterilisationen gedacht wird.
2. November 2014: Der Stadtrat beschließt auf Vorschlag der Anwohner die Bezeichnung Sonnenstraße.
31. Dezember 2014: Das neue Straßenschild wird enthüllt.

(PNP vom 02.01.2015)

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